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Gibt es Seelenfamilien?
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Gibt es Seelenfamilien?

Gedanke  ·   ·  von Justin Jernoiu

In einer Sitzung habe ich einmal gesehen, dass eine Tochter ihre Mutter nie wiedersehen wird.

Nicht in diesem Leben - das wäre traurig genug. Sondern überhaupt nie. Nicht in der Welt danach, nicht in einem Leben, das noch kommt. Nicht, weil zwischen ihnen etwas Schlimmes vorgefallen wäre. Kein Streit, kein Verrat, keine Schuld. Sondern weil sie nicht zur selben Seelenfamilie gehören.

Solche Sätze schreiben sich leicht. Sie zu sehen ist etwas anderes. Und es begegnet mir immer wieder. Je öfter ich es sehe, desto mehr Sinn ergibt es - und desto stiller werde ich dabei.

Das Wort führt in die Irre

Denk bei Seelenfamilie nicht an eine Familie, wie wir sie kennen. Nicht an Eltern, Kinder, Geschwister, nicht an Weihnachten und Blutsbande. Es ist eher eine Gemeinschaft. Ein Kreis von Seelen, die sich über viele Leben hinweg immer wieder begegnen. Mal als Freunde, mal als Fremde. Mal für Jahrzehnte, mal nur für einen einzigen Nachmittag, den du nie vergisst.

Und manchmal - wie bei dieser Mutter und dieser Tochter - gehört jemand, der dir in diesem Leben ganz nah ist, gar nicht dazu. Das ist schwer auszuhalten. Es widerspricht allem, was wir über Familie gelernt haben.

Du kennst das längst

Denn es gibt auch die andere Richtung. Es gibt Menschen, die dir vom ersten Augenblick an vertraut sind. Kein Verliebtsein, nichts Körperliches - etwas anderes. Du sitzt jemandem gegenüber, ihr redet zwanzig Minuten, und irgendetwas in dir sagt: dich kenne ich. Es lässt sich nicht erklären. Und genau deshalb lässt es einen nicht los.

Am deutlichsten wird es bei einem Gönner

Hattest du das schon einmal?

Jemand hat dir geholfen, ohne dass es dafür einen Grund gab. Dir Geld geliehen, als du keines hattest. Dich aus einer Sache herausgeholt, in der du feststecktest und keinen Ausweg mehr sahst. Dir einen einzigen Satz gesagt, der dein Leben in eine andere Richtung gedreht hat. Dich beruflich gefördert, obwohl er selbst nichts davon hatte.

Und das Merkwürdigste daran: Es war nicht dein bester Freund. Nicht deine Familie. Oft ein entfernter Bekannter. Manchmal jemand, den du kaum kanntest. Danach war er wieder weg. Keine Gegenleistung, keine Erwartung, keine Freundschaft, die daraus wuchs. Er trat aus deinem Leben, so beiläufig, wie er hereingekommen war.

Und irgendwann, Jahre später, hast du dich gefragt: Warum hat dieser Mensch das eigentlich getan?

Ich glaube, es ist gut möglich, dass er zu deiner Seelenfamilie gehört. Dass ihr euch längst kennt - nur nicht aus diesem Leben. Und dass er gekommen ist, weil du ihn gebraucht hast.

Was ich bei der Mutter gesehen habe

Ich habe wahrgenommen, wie eine Mutter nach ihrem Tod noch eine Weile an ihrer Tochter hing. Nicht aus Liebe im gewöhnlichen Sinn. Sondern weil sie es wusste.

Sie wusste, dass die beiden nicht zur selben Seelenfamilie gehören. Sie wusste, dass dies das Ende war - nicht ein Abschied für eine Weile, sondern für immer. Und sie konnte sich noch nicht lösen. Ich weiß nicht, ob es dir so geht wie mir. Aber dieses Bild hat mich mehr berührt als vieles, was ich sonst sehe.

Und dann fiel mir etwas auf

Etwas, das ich zuerst nicht verstanden habe: Gerade in diesen Fällen hatten die beiden zu Lebzeiten meist keine besonders enge Beziehung. Kein Zerwürfnis. Nur diese kühle Distanz, die sich nie ganz erklären ließ und über die man in solchen Familien nicht spricht. Vielleicht spürt man es also längst. Vielleicht ahnt eine Seele, dass der Weg sich hier trennt - und hält deshalb schon vorher etwas Abstand. Nicht aus Kälte. Aus Selbstschutz.

Was das für dich bedeuten könnte

Wenn du in deiner Familie einen Menschen hast, zu dem du dich nie richtig durchgekämpft hast, obwohl ihr euch nie gestritten habt - dann liegt das vielleicht nicht an dir.

Und wenn es jemanden gibt, der dir näher ist als jeder Verwandte, ohne dass du sagen könntest warum - dann ist das kein Zufall.

Wir suchen unser Leben lang nach Zugehörigkeit und meinen damit meistens Herkunft. Vielleicht ist Zugehörigkeit aber etwas ganz anderes: nicht die Menschen, mit denen du aufgewachsen bist, sondern die, die immer wieder auftauchen.

Über die Leben hinweg.

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