
Gedanke · · von Justin Jernoiu
Diese Frage bekomme ich oft, und meistens steckt eine zweite dahinter: Wenn ich lange genug meditiere, sehe ich dann auch etwas?
Ich fange mit dem Wort an, weil es aufschlussreich ist. Meditation kommt vom lateinischen meditari und heißt nachdenken, überlegen, sich besinnen. Das Wort bedeutet also wörtlich genau das, was ich in einer Sitzung nicht gebrauchen kann. Ich brauche das Gegenteil.
Was Meditation heute meint
Der Begriff hat sich weit vom Wortsinn entfernt. Gemeint sind Übungen, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit trainieren, meistens mit dem Ziel innerer Ruhe. Für die allermeisten Menschen ist Meditation ein Mittel gegen Anspannung, und das ist völlig in Ordnung. Wer nach zwanzig Minuten ruhiger atmet, hat bekommen, wofür er sich hingesetzt hat.
Ich sehe darin drei Stufen. Nicht als Lehre, sondern als das, was ich an mir selbst beobachtet habe.
Erste Stufe: die geführte Meditation
Eine Stimme sagt dir, wohin du deine Aufmerksamkeit lenken sollst. Sie führt dich durch eine Landschaft, durch deinen Körper, durch den Atem.
Das ist ein hervorragender Einstieg, und ich sage das ohne Einschränkung. Du musst nichts können, du musst nur zuhören. Wer sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt, kommt so hinein, ohne zu scheitern.
Man kann auf dieser Stufe bleiben. Wenn du in der Meditation ein Entspannungsmittel siehst, ist hier alles beisammen. Es ist kein halber Weg, den man zu Ende gehen müsste.
Zweite Stufe: allein, ohne Stimme
Hier fällt die Führung weg. Niemand sagt dir mehr, was als Nächstes kommt. Du sitzt und hältst die Aufmerksamkeit selbst.
Das ist ein größerer Schritt, als es klingt. Ohne Stimme kommt sofort alles hoch, was du liegen gelassen hast: die Rechnung, das Gespräch von gestern, die Frage, ob das hier überhaupt etwas bringt. Wer das aushält und trotzdem sitzen bleibt, hat einen riesigen Schritt gemacht.
Dritte Stufe: das Nichts
Und dann gibt es noch eine Stufe, über die selten gesprochen wird, weil sie unbequem ist.
Die eigenen Gedanken so weit abzuschalten, dass wirklich nichts mehr da ist. Kein Bild, kein Satz, keine Beobachtung des eigenen Atems. Nichts.
Diesen Zustand nenne ich MIORI.
Ich komme nicht auf Zuruf dorthin. Manchmal in zwei Minuten, manchmal brauche ich zehn, und manchmal schiebt sich mitten hinein ein Gedanke, der da nichts zu suchen hat. Dann fange ich von vorn an. Dafür habe ich mir zwei eigene Wege gebaut, die OZEAN-Methode und die SCHEIBENWISCHER-Methode. Beides sind Krücken, und ich brauche sie bis heute.
Und hier trennen sich die Wege
Meditation endet für die meisten Menschen mit dem Aufstehen. Man ist ruhiger, klarer, gelöster, und dann geht der Tag weiter.
Bei mir fängt an dieser Stelle erst etwas an.
Erst wenn das Nichts wirklich da ist, kann eine Verbindung zur Seele des Menschen entstehen, der vor mir liegt. Vorher nicht. Solange noch etwas von mir im Raum ist, bekomme ich meine eigenen Bilder und nicht seine. Deshalb ist der MIORI-Zustand in einer Sitzung keine Vorbereitung, die man auch überspringen könnte. Er ist die Bedingung.
Der Unterschied ist also nicht, dass Hellsichtigkeit eine besondere Art von Meditation wäre. Meditation ist die Vorstufe. Hellsichtigkeit ist das, was danach geschieht.
Zwei Dinge, die ich nicht weiß
Und jetzt kommt der Teil, den ich nicht auslassen kann, auch wenn er die Sache weniger rund macht.
Erstens: Es gibt Hellsichtige, die ihre Wahrnehmungen ohne jede Meditation haben. Einfach so, mitten im Tag. Bei mir geschieht das nicht, ich kenne diesen Weg nur vom Hörensagen, und deshalb sage ich dazu nichts. Was ich hier beschreibe, ist mein Weg, nicht der Weg.
Zweitens: Ich weiß nicht, ob jeder Mensch auf der dritten Stufe etwas wahrnehmen würde. Mein Gefühl sagt mir, dass es eine Gabe ist. So wie einer Klavier spielen kann, dass es einem den Atem verschlägt, ein anderer mathematisch kombiniert, wo ich längst ausgestiegen bin, und ein Dritter sportlich Dinge schafft, die eigentlich nicht gehen. Alle drei haben geübt. Aber sie haben nicht nur geübt.
Beweisen kann ich das nicht. Dafür bräuchte es Untersuchungen, und mir ist keine bekannt. Das ist eine Vermutung, mehr nicht, und ich sage lieber, dass ich es nicht weiß, als dir etwas Rundes zu erzählen. Warum mir dieser Punkt so wichtig ist, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben.
Was heißt das, wenn du anfangen willst
Fang mit geführten Meditationen an. Ohne Erwartung.
Erwarte vor allem nicht, dass sich nach ein paar Wochen etwas zeigt. Bei mir hat es Jahre gedauert, in denen überhaupt nichts geschah, und ich hätte damals dringend jemanden gebraucht, der mir das ehrlich sagt. Genau darüber habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben.
Und wenn nie etwas kommt, hast du trotzdem etwas gewonnen. Ruhe ist kein Trostpreis. Sie ist für die meisten Menschen das Wertvollere von beidem.
Mehr darüber, was ich in diesem Zustand tatsächlich wahrnehme, findest du unter Was ist Hellsichtigkeit und in diesem Video über MIORI.
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